Die chemische Industrie war für die Wirtschaft stets ein entscheidender Innovationsmotor. Das gilt auch für das digitale Zeitalter: Ohne die entsprechenden chemischen Werkstoffe gäbe es heute keinen Microchip, keinen IBM-PC, kein iPhone. Aber die Branche hat die Digitalisierung nicht nur ermöglicht, sondern stets auch selbst von ihr profitiert. Praktisch seit es Computer gibt, werden sie von Chemikern für ihre Arbeit und Forschung eingesetzt. Auch heute und in Zukunft setzt die chemische Industrie auf revolutionäre Technologien. Vier Trends werden im Jahr 2017 besonders wichtig sein:

Erster Trend: 3D-Druck

Der 3D-Druck gewinnt in der industriellen Fertigung an Bedeutung. Früher konnten die Drucker nur wenige Materialien verarbeiten, tatsächliche Anwendungsmöglichkeiten gab es deshalb kaum. Diese Zeiten sind längst vorbei. Moderne Drucker verarbeiten heute eine Palette von etwa 30 Materialien, darunter Polymere, Harze und Weichmacher. 2017 wird diese Vielfalt noch deutlich wachsen – für Rohstofflieferanten bedeutet das eine immense Chance. Chemie-Unternehmen sollten deshalb jetzt prüfen, welche neuen Marktsegmente oder Geschäftsmodelle sich auftun und wie sich Lieferketten durch die neue Technologie verändern könnten.

Zweiter Trend: Digitalisierung der Wertschöpfungskette

Die Digitalisierung der Wertschöpfungskette ist kein evolutionärer Prozess, sondern sie vollzieht sich schon seit Jahren in Teilschritten. 2017 nimmt sie weiter an Fahrt auf. Informationsfluss und Prozesse aller Mitglieder der Supply Chain werden immer weiter digitalisiert, die Abläufe werden dadurch flüssiger und sind weniger störungsanfällig. Kommt es dennoch mal zu einem Engpass, lässt sich das früher vorsehen. Die chemische Industrie muss die Grundlagen schaffen, um diese Entwicklung mitzugehen. Unternehmen, denen das nicht gelingt, könnten schon bald von ihren Wettbewerbern abgehängt werden.

Dritter Trend: Digital Farming

Die Landwirtschaft, einer der ältesten Wirtschaftszweige überhaupt, ist längst digitalisiert. Traktoren und andere landwirtschaftliche Geräte sind heute mit GPS-Systemen ausgestattet, auf den Feldern überwachen Sensoren Faktoren wie Bodenfeuchtigkeit und den Nährstoffgehalt der Erde. Sie sammeln Daten, die dem Landwirt intelligentere Entscheidungen ermöglichen – etwa bei der Auswahl des Saatguts. Auch wenn er sein Feld düngt oder Pestizide ausbringt, muss er heute nicht mehr nach der Gießkannenmethode verfahren, sondern kann wesentlich gezieltere Maßnahmen ergreifen.

Für die chemische Industrie birgt diese Entwicklung einige Herausforderungen, denn sie könnte den Herstellern von Düngern und Pflanzenschutzmitteln auf lange Sicht einen Absatzrückgang bescheren. Ein Ausweg liegt aber darin, näher an den Kunden heranzurücken und Landwirten Produkte anzubieten, die stärker auf ihren individuellen Bedarf zugeschnitten sind. Denn auch die modernsten Felder funktionieren nicht ohne agrochemische Produkte.

Vierter Trend: Predictive Maintenance

Der vierte und letzte Trend für das Jahr 2017 ist Predictive Maintenance. Der Ausfall einer einzelnen Maschine bringt schnell die gesamte Produktion zum Stillstand, die chemische Industrie mit ihren komplexen Fertigungsketten ist hier einem besonders großen Risiko ausgesetzt. Sensoren und Big Data ermöglichen in Zukunft eine vorausschauende Wartung aller Maschinen. Immer präzisere Vorhersagen erlauben den Austausch von Verschleißteilen bevor sie kaputtgehen – und nicht erst danach. Unvorhergesehene Defekte, die teure Verzögerungen im Produktionsablauf nach sich ziehen, gehören damit der Vergangenheit an.

Martin Neuenhahn

Business Consultant bei SAG Deutschland GmbH
Martin Neuenhahn ist Business Consultant für das Cluster „Production Industries“ bei der SAG Deutschland GmbH und Experte für die Themen Industrie 4.0 und Internet der Dinge. Er studierte an der RWTH Aachen Elektrotechnik und BWL.
In seinen Beiträgen schreibt er über die Anforderungen und Auswirkungen, welche die Digitalisierung auf das Produzierende Gewerbe hat.

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