Versorgungsunternehmen erleben die Digitalisierung oft als immense Herausforderung – Mitglieder anderer Branchen sehen die Dinge gelassener. Für die verschobene Wahrnehmung gibt es einen guten Grund: Während viele Industrien über Experimente und Pilotprojekte sehr schnell praktische Erfahrungen sammeln konnten, mussten sich die Versorger zurückhaltend an das Thema herantasten. Zu wichtig ist es, dass Wasser-, Strom- und Gasnetze ohne Einschränkungen funktionieren; zu unerprobt schien anfangs die neue Technik. Diese Zeiten sind lange vorbei. Die digitale Transformation vollzieht sich heute in Versorgungsunternehmen mit der gleichen Geschwindigkeit wie in anderen Branchen. Ein spannendes Jahr mit spannenden Trends kommt deshalb auf uns zu. Das sind die drei wichtigsten:

Trend 1: Offene Plattformen

Der wichtigste Digitalisierungstrend für 2017 ist die verstärkte Verbreitung offener Plattformen. Auch Versorgungsunternehmen setzen zunehmend auf sie, um neue Anwendungen und Geschäftsmodelle zu ermöglichen. Daten aus unterschiedlichen Bereichen werden erfasst, gebündelt und ausgewertet. Auf Grundlage der gewonnenen Erkenntnisse können Versorger ihr Serviceangebot verbessern oder neue Dienstleistungen und Applikationen entwickeln. Auch die Weitergabe der Daten an Partner ist möglich, so entstehen neue Synergien und Marktchancen.

Trend 2: Energiespeicher

Energie wird immer effizienter gewonnen – sie auch effizienter zu speichern, ist eine Herausforderung, der wir uns in Zukunft stellen müssen. Für 2017 zeichnet sich die Entwicklung ab, dass Zahl und Kapazitäten der verfügbaren Stromspeicher deutlich zunehmen. Die immensen Investitionen in Forschung, die etwa Unternehmen wie Tesla getätigt haben, machen sich jetzt bezahlt. Für Energieversorger ist insbesondere die Frage interessant, wie Lastspitzen möglichst effizient kompensiert werden können. Das Zuschalten von Energiespeichern im richtigen Moment kann hier Abhilfe schaffen. Aber wann ist der richtige Moment? Um ihn zu erkennen, bedarf es intelligenter Algorithmen, die Daten in Echtzeit auswerten.

Trend 3: Intelligente Netze

Auch in anderen Bereichen spielt das Erfassen und Auswerten großer Datenmengen eine entscheidende Rolle. Big Data ist hier ein wichtiges Stichwort, aber auch Streaming Analytics gewinnt 2017 weiter an Bedeutung. Der Unterschied: Big Data erlaubt den retrospektiven Blick zurück in die Vergangenheit – was ist passiert? Streaming Analytics hingegen aggregiert in Echtzeit Datenströme aus unterschiedlichen Quellen, um Muster zu erkennen und den prospektiven Blick nach vorne zu ermöglichen – was wird passieren? So lässt sich zum Beispiel besser abschätzen, wann ein Windkraftrad eine bestimmte Strommenge erzeugen wird. Auch eine vorausschauende Wartung von Verschleißteilen wird durch Streaming Analytics möglich. Ventile, Turbinen und Pumpen können ausgetauscht werden, wenn sie das Ende ihrer Lebensdauer fast erreicht, aber noch nicht überschritten haben. Mit dieser Technologie sind Netze besser gegen Ausfälle gewappnet.

Martin Neuenhahn

Business Consultant bei SAG Deutschland GmbH
Martin Neuenhahn ist Business Consultant für das Cluster „Production Industries“ bei der SAG Deutschland GmbH und Experte für die Themen Industrie 4.0 und Internet der Dinge. Er studierte an der RWTH Aachen Elektrotechnik und BWL.
In seinen Beiträgen schreibt er über die Anforderungen und Auswirkungen, welche die Digitalisierung auf das Produzierende Gewerbe hat.

Teilen:
%d Bloggern gefällt das: